Der Hahn, der gar nicht weglaufen wollte
Manchmal glaubt man, jemanden retten zu müssen.
Wie gesagt: man glaubt es!
Doch wenn man so die neuen Nachbarn kennenlernt,
dann hat das Missverständnis auch was Gutes.
Etwas mehr als 4 Wochen ist es her,
dass der Umzug war.
Mit manchen Nachbarn hatte ich schon persönlichen Kontakt,
manche kenne ich nur vom Sehen und
von manchen weiss ich nur etwas aus der Ferne.
So war es auch mit den Nachbarn Kai und Peter.
Das einzige, was ich wusste:
sie haben einen Hahn, der morgens wundervoll kräht.
Ich liebe das!
Gesehen hatte ich ihn aber bis letzte Woche noch nicht.
Klar! Schlechtes Wetter, dann Stallpflicht wegen Vogelgrippe
und ausserdem ist der Garten nicht direkt neben unserem,
sondern ein paar Häuser weiter.
Doch als ich letztens in meinem Atelier lüften wollte,
da sah ich ihn!
Einen prachtvollen, wirklich wunderschönen Hahn!
Aber wieso konnte ich ihn plötzlich sehen?
Hey … der will die Welt erkunden!
Oder anders ausgedrückt:
Der will abhauen!!!
Denn er war nicht in seinem Garten,
er lief auf dem wilden Grundstück hinter unseren Häusern rum!

Sofort setzte bei mir das innere Rettungsteam ein.
Keine 3 Minuten später klingelte ich am „Hühnerhaus“.
„Hallo, ich bin die neue Nachbarin aus 38 und ich glaube, Ihr Hahn haut ab“
Die Reaktion war nicht die, die ich erwartet hatte.
Kai schaute mich an als wäre ich vom anderen Stern.
Peter kam dazu und meinte:
„Neeee. Die dürfen das. Willst mal mitkommen und gucken?“
Natürlich wollte ich!
Im Garten angekommen, war kein Huhn oder Hahn zu sehen.
Logisch! Der lief ja auch gerade ganz woanders rum!
Kai schüttelte die Futterdose und rief „Hüüüüühner!“
Und dann hörte ich sie. Erst leise, dann immer lauter gackernd.
Sie kamen durch ihren eigenen Gang zurück in ihr Gehege.
Denn dieser Gang führt von ihrem Gehege am Grundstück entlang zu dem wilden Gelände.
Es war herrlich anzusehen und ich erinnerte mich direkt
an eine Folge von den Fixer Uppers Chip und Joanna Gaines,
in der sie ihren Hühnern auch so einen sicheren Rundlauf gebaut hatten.
DAS konnte ich aus meinem Dachfenster natürlich nicht sehen!
Der Hahn ist wirklich riesig und wunderschön.
Kai wollte ihm kein Futter aus der Hand geben,
was ich rückblickend verstehen kann.
Doch Peter fütterte ihn und ich durfte auch.
Flache Hand mit trockenen Mehlwürmern.
So hatte ich es bei Peter gesehen und so machte ich es dann auch.
Noch nie habe ich einen Hahn (oder Huhn) aus der Hand gefüttert.
Ich war vorsichtig. Macht man ja so. Oder?!
Der Hahn hatte aber offensichtlich andere Vorstellungen.
Er pickte nicht.
Er zielte nicht.
Er prüfte auch nicht.
Er hämmerte einfach mit seinem riesigen Schnabel drauf los. In meine Hand.
Wild, entschlossen, mit der Präzision eines Handwerkers,
der die Augen verbunden hat, aber einen Nagel in die Wand hauen soll.
Aber es war toll!
Nicht nur, dass ich nun weiss, wie der Hahn aussieht,
den ich so gern krähen höre.
Nein … ich habe auch die Menschen dazu kennengelernt
und wir haben uns echt nett unterhalten.
Nach Hause ging ich nicht nur mit einer Geschichte mehr,
sondern auch mit der Erkenntnis,
dass nicht jeder, der ausserhalb eines Zauns unterwegs ist,
verloren gegangen ist.
Manche kennen einfach ihren Weg.

Manchmal sehen wir nur den Zaun.
Und übersehen den Weg dahinter.
